Hannover 96 | Saison 1999/2000, 18.Spieltag |
Tennis Borussia Berlin - Hannover 96 2:1 (1:0) |
96: Sievers - Linke - Stefulj, Baschetti - Lala, Kreuz, Tumani (70. Morinas), Posavec (46. Kehl), Kobylanski, Cherundolo (46. Bounoua) - Stendel / Trainer: Ivankovic
Tore: 1:0, 2:0 Ciric (11., 56.), 2:1 Bounoua (86.) - Schiedsrichter: Hufgard (Mömbris) - Zuschauer: 3 881 - Gelbe Karten: Stendel, Tumani
96 taumelt nach unten
Ist Ivankovic noch zu retten?
Sturm harmlos, Abwehr schwimmt - der Retter soll Gerer heißen
Charlie ist TB-Fan. Der schnauzbärtige Komiker, der im
Trikot der Berliner mit Chaplin-Melone und dünnem Stöckchen an der Seitenlinie stand,
hatte am Sonntag gut lachen. Tennis Borussia machte ihm Spaß beim 2:1 gegen 96. 50 Meter
neben der Chaplin-Kopie gestikulierte ein Trainer-Original. Branko Ivankovic war wie meist
im dunkelblauen Mantel gekleidet, ganz Gentleman eben. Neben ihm sein Assistent Ivica
Frkic. Die beiden schienen weit weniger gelassen als Charlie. Wenn nicht alle
Spekulationen falsch sind, werden die beiden nicht mehr allzu oft die 96-Mannschaft
aufstellen. Möglich, dass das Trainergespann auch schon in dieser Woche fliegt.
Wahrscheinlich aber bekommt Ivankovic die Heimpartie am Sonnabend gegen Gladbach zur
Bewährung.
In Berlin musste der Kroate auf Goran Milovanovic verzichten, der Stürmer war verletzt in
Hannover geblieben. Ivankovic entschied sich für eine im Vergleich zur Niederlage in
Bochum (1:2) defensivere Variante. Stendel war einziger Angreifer. Im hinteren Mittelfeld
baute der 96-Trainer eine Viererkette, in der überraschend Steven Cherundolo zum Einsatz
kam. Doch die Umstellungen erwiesen sich als Flop. Nur in der vierten Minute hatte Stendel
eine Torchance, schön frei gespielt von Kreuz. Doch in der elften Minute schon der
Rückstand. Marco Walker zielte aus 25 Metern an die Latte. Den zurückspringenden Ball
köpfte Sasa Ciric ins Tor. 96-Libero Linke und die anderen Abwehrspieler verschliefen den
Treffer. Nach der Führung der Berliner agierte 96 wie ein Absteiger. Im Mittelfeld ging
jeder Ball verloren, der Sturm war harmlos, und die Abwehr schwamm bei jedem TB-Angriff.
Nach der Halbzeit griff Ivankovic wieder auf Sebastian Kehl zurück, der am Sonntag seinen
20. Geburtstag feierte. In Bochum hatte der Coach bei Kehl "ganz viele taktische
Fehler" gesehen und ihn auf die Bank gepackt.
Der Junioren-Nationalspieler brachte mit Mourad Bounoua ein bisschen Schwung, aber nach 56
Minuten der Rückschlag.Das 0:2 durch Ciric. Danach löste 96 den Libero weitgehend auf.
Linke versuchte, seine Mannschaft nach vorne zu treiben. Doch bis auf eine Chance von
Kobylanski per Kopfball (79.) schien 96 den Berlinern nicht mehr gefährlich werden zu
können. Nach einem Eckball von Kobylanski traf jedoch überraschend Bounoua (84.) zum
1:2. Eine Minute danach hätte der Marokkaner fast den Ausgleich erzielt - Bounoua
verpasste knapp.
96 fiel auf Platz zwölf zurück. Es sind nur noch vier Punkte bis zu einem Abstiegsrang,
für Ivankovic wird es eng. Als möglicher Retter steht Franz Gerber bereit. Der Ex-Coach
hat jedoch auch ein Angebot von 1860 München - als Sportdirektor.
Die Reaktionen:
96-Trainer Branko Ivankovic: Ich muss
meinen Spielern gratulieren für den guten Kampf. Wir hatten das Handikap, dass wir das
Spiel in Bochum hatten. Meine Spieler waren ein bisschen müde.
Winfried Schäfer, Trainer von TB Berlin: Wir haben gut angefangen, das
2:0 hat uns dann Ruhe gegeben. Hannover ist eine Mannschaft, bei der man viel arbeiten
muss, um zu gewinnen.
96-Vorstandsmitglied Uwe Krause: Der Mannschaft fehlt der Zug nach vorne.
Trainer Ivankovic sitzt auch beim nächsten Heimspiel gegen Gladbach auf der Bank.
96-Kapitän Carsten Linke: In der Schlussphase hätten wir den Ausgleich
noch machen können. Doch wenn man ehrlich ist, hatten die Berliner die besseren Chancen.
Rolf Müller, Berater des 96-Vorstands: In der Schlussphase hat die
Mannschaft ja schon ein bisschen Druck ausgeübt. Aber sie hat nicht den Mut, um richtig
nach vorne zu spielen.
Ayhan Tumani, 96-Spieler: Wir haben ab und zu ein paar gute Szenen, aber
der entscheidende Pass nach vorne kommt nicht. Das ist einfach blöd.
Mourad Bounoua, 96-Spieler: Bei uns war keine Ordnung drin, viel zu viel
Hektik. Es müssen endlich Leute aufgestellt werden, die richtig Fußball spielen können.
Die Einzelkritik:
Jörg Sievers: Sah beim 0:1 nicht gut
aus - Sievers hatte wohl nicht mit dem Fernschuss Walkers gerechnet. Ansonsten sicher
hinter einer unsicheren Abwehr.
Carsten Linke: Schlief beim 0:1, hatte auch sonst zu viele Fehler im
Spiel. Eine der schwächsten Saisonleistungen des Kapitäns.
Mirko Baschetti: Erste Partie seit Oktober 99. Nicht so kopfballstark wie
der gesperrte Reinhardt, aber engagiert - guter Anfang.
Danijel Stefulj: Ungewohnt viele Patzer beim sonst so zuverlässigen
Manndecker.
Ayhan Tumani: Fing gut an, spielte mit Kreuz einige Male gefällig auf
links. Sah dann die gelbe Karte und ließ sich in der Folge austricksen wie ein Anfänger.
Andrzej Kobylanski: Das alte Problem. Er rennt und rennt und rennt,
allerdings viel zu oft planlos in den Gegner hinein. Auf der zentralen defensiven Position
eine Fehlbesetzung.
Steven Cherundolo: Überraschend in der Mannschaft. Der Amerikaner sah
den Ball nur von weitem und war nach der Halbzeit zu Recht wieder draußen.
Altin Lala: Besser als in Bochum, aber immer noch zu schwach. Von Lala
flog keine einzige Flanke in den Berliner Strafraum.
Markus Kreuz: Ihm kann man immer nur zu Gute halten, dass er sich
bemüht. Wenn mal eine gute Aktion gelingt, ist meist Kreuz daran beteiligt. Aber das
reicht nicht für einen Spielmacher.
Srebrenko Posavec: Der Trainer-Neffe ließ seinen Onkel hängen. Wirkte
gegen die körperlich starken Berliner wie ein Schüler, der mit Profis mithalten will -
überfordert.
Daniel Stendel: Einziger Stürmer, aber kein Torjäger. Wäre er einer,
hätte Stendel in der vierten Minute das 1:0 erzielt. Stendel wühlt sich durch den
Strafraum und bereitet Chancen vor - aber wer soll dann die Treffer machen?
Sebastian Kehl: Mit ihm ging es besser. Schenkte sich zum 20. Geburtstag
aber auch kein gutes Spiel.
Mourad Bounoua: Schärfster Kritiker des Trainers in der Mannschaft.
Schimpft auf die Aufstellung, unterstreicht seine Worte mit dem Tor.
Igoris Morinas: Eines der größten 96-Rätsel: Was ist bloß aus dem
Torjäger der Vorsaison geworden?
(Quelle: Neue Presse, 14.02.00)
Der nächste Gegner: Am 19. Februar 2000 um 15.30 Uhr zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach.